Ich habe mir die (insgesamt wohl glücklicherweise nur vier) „Berichte“ in der Süddeutschen Zeitung online herausgesucht und gelesen.

Dabei wäre mir stellenweise fast ein Auge ausgefallen. Und das je Artikel mindestens ein Mal.

Bei allen Artikeln wird als Verfasser ein Herr Matthias Köpf angegeben, Kolbermoor.
Da drängt sich die Vermutung auf, dass der Herr von vor Ort ist und dass man von ihm nicht nur erwarten kann, dass er lebensnahe die Informationen sammeln kann, sondern aufgrund seiner Position als Autor für eine große Zeitung auch neutral schreiben würde.

Um es vorweg zu nehmen: nicht nur mit der Berichterstattung von Herrn Köpf in der SZ bin ich höchst unzufrieden – auch die EHG und die Stadt Kolbermoor spielen jetzt schlechte Verlierer, indem sie alle möglichen Fremdworte durch die Gegend treiben mit denen jetzt die Befürchtungen der Gegner und das Engagement der Bürgerinitiative noch schnell heruntergespielt bzw. schlecht gemacht werden sollen.
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Was Herr Köpf in seinen Artikeln mächtig vernachlässigt hat, ist die Argumente der Gegner wenigstens mal halbwegs detailliert aufzulisten. Dies hat zur Folge, dass die Berichterstattung recht einseitig geworden ist.

Neutral und umfassend informieren sieht anders aus.

Oder bin ich zu naiiv – ich habe ja mit meinem zarten Alter von Mitte 50 noch kaum Gelegenheit gehabt, Lebenserfahrung zu sammeln – und glaube einfach nur vehement an das Gute im Menschen?

Mit Neutralität schaut es aber ziemlich mau aus wenn man sich vor Augen hält, wie einseitig die Berichterstattung ist.

Aus den Artikeln in der SZ:

6.8.19:
….die Anbindung an die A8 sei bestens….
Soso. Da schau her. Unter bestens verstehe ich aber was anderes. Nämlich zum Bleistift, dass man nicht über die Nadelöhr-Kreuzung Carl-Jordan/St 2078 muss, um zum Rothbachl zu kommen. Es ist ganz offensichtlich außer mir schon noch auch anderen aufgefallen, was an dieser Kreuzung in den Stoßzeiten los ist, verkehrstechnisch.

…. das Traunsteiner Krematorium der Firma diene dem Landesamt für Umwelt sogar als bayernweites Vorbild für solche Anlagen….
Ja da legst di nieder! Auch der Herr Köpf hat das geglaubt ohne es selbst zu recherchieren, sonst hätte er es vermutlich nicht geschrieben. Diese Aussage wurde vom LfU ja erst später zurückgewiesen.

17.10.19:
….auf einem freien Feld des Neuen Friedhofs in Kolbermoor soll ein Krematorium gebaut werden….
Also, wenn diese große Grünfläche mit Bäumen, Büschen, Rasen und Spazierweg ein Feld ist, dann fresse ich einen Besen! Mit (Kehr-) Schaufel bitte.

….Auf die Idee mit dem Krematorium waren sie im Kolbermoorer Rathaus auch gar nicht selbst gekommen….
Wen interessiert es, wer auf die Idee kam? Das liest sich wie ein Versuch, Bürgermeister und Stadträte von allem „Wrongdoing“ freizusprechen.

…. Vertreterinnen der beiden christiliche Kirchengemeinden wurden niedergebrüllt….
Als lärmempfindlicher Mensch habe ich mit der Wortwahl „niedergebrüllt“ so meine Probleme. Sicher wurde es laut, und ausgehend von einigen Leuten (nicht nur die Gegner!!!) etwas ungehobelt, aber niederbrüllen ist ja wohl etwas deutlich anderes.
Die Benutzung des Wortes niedergebrüllt vermittelt dem nicht direkt involvierten Leser den Eindruck, dass es sich bei den am „niederbrüllen“ beteiligten Kolbermoorern, den Niederbrüllern also, um einen Haufen unzivilisierte Urzeitmenschen und / oder Hinterwäldler handelt, denen man glücklicherweise vor Beginn der Infoveranstaltung noch schnell die mitgebrachten Keulen abgenommen hat – weil wer weiß was sonst noch alles passiert wäre!
(Newsflash: Kolbermoorer leben jetzt auch schon in Häusern, nachdem wir uns vor Kurzem von den Bäumen herunter- und aus den Höhlen herausgetraut haben, rumbrüllen tun wir auch nicht mehr, und die Keulen, die lassen wir meist auch zu Hause!)

…. Damit, dass der Widerstand gegen die Krematoriumspläne in Kolbermoor so wütend werden würde, hatte aber auch der Bürgermeister nicht gerechnet….
Der Widerstand wurde wütend. (Der gärende Heidelberfusel fängt an zu faseln – Grüße an Heinz Rühmann; es ist ja bald wieder die Jahreszeit für Feuerzangenbowle).
Gemeint sind bestimmt Bürger. Die wütend wurden.
Wurden die Bürger denn wütend? Mir scheint, die wurden mehr besorgt und aufgebracht als wütend. Ich sollte es wissen, ich bin so ein Besorgt-Bürger-Teil. Wütend, bzw. grantig, werde ich erst jetzt, wenn ich die zusammengefasste einseitige Berichterstattung, welche nicht nur von der SZ, sondern auch von anderen Medien so gehandhabt wird, lese.

…. dass auf der Staatsstraße ohnehin viel Verkehr herrsche und wechselnde Sonderangebote beim benachbarten Discounter da sicher sehr viel mehr ins Gewicht fielen als ein paar Leichenwagen und Autos von trauernden Angehörigen….
Jetzt echt, oder? – da muss sogar der Discounter als Prügelknabe herhalten damit man den Verkehr originär erst mal begründen und weiter hübschreden kann.
Und ein „paar“ Leichenwagen und Autos von trauernden Angehörigen trifft ja wohl den Tatbestand von knapp daneben ist auch vorbei: wenn die Anlage dann in Betrieb gewesen wäre mit 7.000 Verbrennungen jährlich, kann wohl von „paar Autos“ nicht mehr die Rede sein. Es heisst ja immer, wer lesen kann ist klar im Vorteil, aber ein bisserl rechnen können schadet doch bestimmt auch nicht?

…. Die größere Wucht entfaltet die Kampagne der Kritiker, die nicht nur auf Transparente, Leserbriefe und Social-Media-Aktivitäten setzen, sondern auch auf einen eigenen Videokanal im Internet sowie auf eine bezahlte Anzeige bei Google….
Wie können die nur so ideenreich und erfinderisch sein? Das geht ja gar nicht!
Aber ernsthaft: wo ist das Problem? Es wurden legale Kanäle genutzt. Und das mit Nachdruck.
Die Stadt Kolbermoor sowie der Investor haben sich dazu entschieden, die Informationen über deren Webseiten zu veröffentlichen, und über eine Broschüre die den Wahlbenachrichtigungen beilag. Die Gegner haben sich eben für andere Wege entschieden.

…. Die Kritiker stehen in engem Austausch mit einem Berater aus Hamburg, der sich als Bestattungsexperten bezeichnet, nach eigenen Angaben sein Geld als Friedhofsberater für Kommunen verdient und landauf, landab als glühender Verfechter der Erdbestattung auftritt – oft Seite an Seite mit dem deutschen Steinmetz-Gewerbe….
Jaja, die einen bezeichnen sich als Bestattungsexperte, die anderen als Nachrichtenexperte. Den Beruf des Friedhofsberaters finde ich persönlich interessant. Und ob sich der mit dem deutschen Steinmetz-Gewerbe zusammengetan hat, oder mit der Bäckerinnung – wen interessiert das denn – es geht hier um ein Krematorium!

21.10.19:
….“Wir wissen nicht, was wir hätten anders machen sollen“, sagte Engmann. Es werde zusätzliche Kapazitäten in Krematorien brauchen – seiner Einschätzung nach mindestens, bis es in rund 25 Jahren für die geburtenstarken Jahrgänge ans Sterben geht…..
(also, irgendwie ist der Satz nicht ganz schlüssig: „mindestens, bis es in rund 25 Jahren“ – was genau will uns der Verfasser damit sagen?)
Wie logisch ist das denn, wenn Mann in rund 25 Jahren mit einer Überlastung der Krematorien rechnet, jetzt schon möglichst viele zu bauen? Mir drängt sich die Idee auf, es könnte dann reichen in etwa 20 Jahren anzufangen, die Zahl der Krematiorien aufzustocken.

…. sagte Morgenroth, der bundesweit als Kämpfer für die althergebrachte Erdbestattung auftritt – oft zusammen mit dem deutschen Steinmetz- und Natursteingewerbe, das vom anhaltenden Trend zur Einäscherung seine Geschäfte mit Grabsteinen gefährdet sieht….
Schon wieder die Steinmetze im Gespräch. Ob die im Doppelpack mit einem Bestattungsexperten auftreten müssen, müssen die selber entscheiden. Grundsätzlich ist es aber schon in Ordnung, dass sich die Steinmetze über ihre berufliche Zukunft Gedanken machen? Lebensunterhalt verdienen können undsowasalles?

…. Denn in Kolbermoor habe sich gezeigt, dass man sich mit Plänen für ein Krematorium „jede Menge Ärger ins Haus holen kann“….
Gut so! Die Bürger mucken auf. Wir sind doch keine Herde Schafe, die keine eigene Meinung haben sollten, und diese demzufolge auch nicht zu vertreten haben. Was war es noch gleich mit der Demokratie?

….zeigt zunächst, dass es sich mit solchen Krematorien auch nicht anders verhält als mit Verkehrswegen oder Mülldeponien: Wenn es sie schon unbedingt braucht, dann jedenfalls bitte nicht hier bei mir….
Wie schön, das gute alte Floriansprinzip wird auch hier ins Rennen geworfen. Lasst uns doch diese Sau nochmal durch’s Dorf treiben!
Ich frage mich: was hätten die, die sich drauf berufen haben, und die, die drüber geschrieben haben, nur gesagt/geschrieben, wenn es diesen Begriff nicht gäbe?

…. Zugleich offenbart sich darin auch, dass viele Menschen den Tod nicht nur zeitlich, sondern inzwischen auch räumlich auf maximaler Distanz halten wollen. Da mag schon die Feuerbestattung als solche ein Versuch sein, alle sterblichen Überreste möglichst rückstandslos verschwinden zu lassen…..
Jetzt haben wir aber bei der Märchenstunde eingeschlagen, oder? (Ich gebe zu, so wie das geschrieben ist, liest es sich echt klasse! Gewählte Worte undsowas alles.)
Sagt wer? Hat wer untersucht? Glaubt wer?

…. Diese Angst wurde fleißig geschürt, unter anderem von Erdbestattungslobbyisten, die Kolbermoor zum kommunalpolitischen Präzedenzfall machen wollten…..
Uiuiui, so viele Fremdworte: Erdbestattungslobbyisten, kommunalpolitisch, Präzedenzfall. Dabei ist es doch ganz einfach so, dass viele Menschen hier Befürchtungen hatten wegen erhöhter Verkehrsbelastung, erhöhter Umweltbelastung, also erhöhter Gesundheitsbelastung. Die nicht widerlegt werden konnten.
Das ist etwas das in allen 4 Artikeln nur mal so kurz erwähnt wurde.

….“Man hat Propaganda mit der Angst gemacht, das funktioniert offensichtlich“, sagte Kloo am Montag….
Das Wort Propaganda schon wieder. Das interessanterweise nur den Gegnern an den Kopf geworfen wird.

Was war dann mit der ganzen Informationsverteilung FÜR das Krematorium? Hier wurde doch genaugenommen nur gesagt was im Sinne von Investor und Stadt ist. Zu den geäußerten Befürchtungen hieß es immer wieder, die Werte seien deutlich unter Grenzwerten, oder unterhalb der Nachweisgrenze. Fühlt sich wischiwaschi an, aber irgendwie mussten solche Fragen ja beantwortet werden.

Es wurde also auch auf Seite der Befürworter nachhaltig versucht, Meinung einseitig zu bilden. Zugehöriges Fremdwort: Propaganda.

Was gibt es dazu noch zu sagen außer: MIT VOLLER HOSE IST GUT STINKEN!!!